Selbstbestimmung
Jetzt kommt ein Punkt, der in unserer Gruppenarbeit einen sehr wichtigen Rahmen einnimmt. Es gibt Patienten, die lebenslänglich sogenannte Antikoagulanzien einnehmen müssen. Hierzu gehören Kranke mit einer künstlichen Herzklappe, spezifischen Herzerkrankungen, wiederholten Thrombosen und Embolien und anderes mehr. Ähnlich der Blutzuckerbestimmung durch Diabetiker können diese Antikoagulanzien-Patienten ihre Blutgerinnung mit einem Tropfen Fingerbeerenblut selbst bestimmen.
Es gibt wirklich kranke Patienten denen die Blutentnahme aus der Vene recht unangenehm ist, oder die beruflich oder häufig privat für längere Zeit verreisen müssen. Die Selbstkontrolle zum selbstgewählten Zeitpunkt führt beim Patienten nicht nur zu einer psychischen Entlastung, sondern in der Regel auch zu einer verbesserten Akzeptanz der Behandlung und damit Sorgfalt gegenüber dem therapeutischen Konzept.
Warum kontrollieren?
Die Gerinnungshemmung ist ein komplexer Vorgang. Auf die gerinnungshemmenden Medikamente reagieren die Menschen unterschiedlich: Es gibt Menschen, deren INR-Wert leicht einzustellen ist, bei anderen ist es schwieriger. Aber auch wenn der INR-Wert relativ stabil im therapeutischen Bereich eingestellt ist, gibt es immer wieder Faktoren, die ihn verändern.
Solche Faktoren sind: Medikamente. Zum Beispiel verstärken bestimmte Antibiotika oder Aspirin die Wirkung der Gerinnungshemmer, während Abführmittel und bestimmte Schlafmittel sie vermindern. Wenn die Vitamin K-Zufuhr sich verändert, z.B. in dem man große Mengen Sauerkraut, Kohl oder Leber ißt, ändert sich der INR-Wert. Erkrankungen, wie z.B. Grippe oder Durchfall. Klimaveränderungen, Über- oder Unterdosierung.
Um zu verhindern, dass die Gerinnungshemmung nach oben oder unten entgleist, wird empfohlen, einmal in der Woche, mindestens jedoch alle 14 Tage den INR-Wert zu kontrollieren. Oft wird in Deutschland nur alle drei bis vier Wochen kontrolliert - eine Zeitspanne, die für eine optimale Gerinnungskontrolle als zu gering angesehen werden muss.
Statt Marcumar ein neues Medikament?
Dabigatran bei Vorhofflimmern ©
In vielen Fällen tritt die Rhythmusstörung in Form von Herzrasen oder Herzstolpern in Erscheinung. Allerdings spüren zahlreiche Patienten den veränderten Rhythmus überhaupt nicht und sind stattdessen durch verminderte körperliche Belastbarkeit eingeschränkt. Besonders tragisch ist die Situation, wenn die Zufallsdiagnose Vorhofflimmern erst nach einem Schlaganfall gestellt wird. Pradaxa wurde im August 2011 von der European Medicines Agency (EMA) für die Behandlung von nichtvalvulärem Vorhofflimmern zugelassen, also für Vorhofflimmern ohne Herzklappenerkrankung. Seit dem 01. September 2011 ist Pradaxa in Deutschland auf dem Markt. Eine ständige Kontrolle der Blutgerinnung wie bei Marcumar ist bei Pradaxa nicht nötig. Der Einfluss von Nahrungsmitteln auf die Wirksamkeit, wie sie bei Marcumar/Falithrom beobachtet wird, besteht nicht. Hier können die Patienten größere Freiheit genießen. Welche Patienten sollten das Medikament bevorzugt erhalten? Prinzipiell sind die meisten Patienten mit Vorhofflimmern, bei denen eine Gerinnungshemmung notwendig ist, für Pradaxa geeignet. Die Zielgruppe sind vor allem Patienten, die schwer mit Marcumar/Falithrom einstellbar sind oder bei denen bereits Komplikationen, insbesondere Blutungskomplikationen aufgetreten sind. Bei bislang problemloser, langjähriger Marcumar/Falithromtherapie ist eine Umstellung auf Pradaxa nicht notwendig. Für Marcumar/Falithrom spricht, dass bei diesem Medikament eine 50-jährige Erfahrung vorliegt. Bei Pradaxa sind die Erfahrungen auf durchschnittlich 2 Jahre -unter speziellen Studienbedingungen- begrenzt. Die Ärzte müssen erst lernen, mit dem neuen Medikament umzugehen, auch sind manche Fragen derzeit noch nicht geklärt.
© Auszug aus "Herz heute 3/2011" der Deutschen Herzstiftung e.V.

